Windkraft bleibt ein Streitfall
Die Appenzeller Wind AG sieht sich in Ausserrhoden nach Standorten für Windkraftanlagen um. Gleichzeitig ist das Projekt in Oberegg blockiert.
Die Visualisierung zeigt, wie die Windkraftanlagen in Wald aussehen würden. Bild: pd
Die Appenzeller Wind AG sieht sich in Ausserrhoden nach Standorten für Windkraftanlagen um. Gleichzeitig ist das Projekt in Oberegg blockiert.
Erneuerbare Energie Das Windkraftanlagen-Projekt in Oberegg ist aufgrund von Einsprachen blockiert. Seit 2014 versucht die Appenzeller Wind AG mit Sitz in Oberegg zwei Windkraftanlagen im Gebiet Oberfeld zu realisieren. Noch sind drei Beschwerden vor dem kantonalen Verwaltungsgericht hängig, gleichzeitig schaut sich die Appenzeller Wind AG in Appenzell Ausserrhoden nach weiteren Standorten für Windkraftanlagen um. Lernt man aus dem Projekt Oberegg etwas, das man jetzt anders machen könnte? Das entlockt Valentin Gerig, Mitglied des Verwaltungsrates der Appenzeller Wind AG, ein Lachen. «Wir können gar nichts anders machen, haben wir doch in Oberegg den korrekten Weg gewählt. Wir haben mit Grundeigentümern gesprochen, eine Bürgerbeteiligung in Aussicht gestellt und eine Abstimmung wurde durchgeführt. Die im Übrigen mit 59,2 Prozent klar angenommen wurde», sagt Gerig. Einsprachen seien immer möglich. «So jämmerlich es ist, da müssen wir durch», sagt er. Das sei aber korrekt so, entweder sei man Demokrat und akzeptiere die Einsprachemöglichkeiten oder eben nicht.
Oft sei es so, dass Leute der Windenergie zwar zustimmen – allerdings nur so lange, bis es vor der eigenen Haustür geschieht. «Es braucht sehr viel Zeit für die Gespräche und ist harzig. Und die Argumente der Gegnerschaft wiederholen sich», so Gerig. Dabei gehe es um das Landschaftsbild, den Lärmschutz, Infraschall und Tierschutz. «Oftmals sind die Argumente wissenschaftlich nicht erwiesen oder gar falsch. Aber auf die Argumente können und müssen wir uns vorbereiten. Wichtig ist immer, nah an den Menschen zu sein. Der lokale Bezug und persönliche Gespräche bringen eine breitere Akzeptanz ein», meint Gerig. Doch nicht nur von Einzelpersonen, auch von Gemeinden komme manchmal Widerstand. «Der Bedarf an zusätzlichen Stromquellen ist gross und wird immer grösser. Der grösste Teil des Stromes in der Ostschweiz stammt physikalisch betrachtet aus dem Kernkraftwerk Beznau. Dort wird derzeit aber in der Nähe ein grosses Rechenzentrum gebaut, dass unglaubliche Stromressourcen benötigen wird», so Gerig. Irgendwo müssten nun mal Windkraftanlagen stehen, wenn die Versorgung gewährleistet bleiben soll, es gibt kaum Alternativen. «Es ist nicht erstrebenswert, noch abhängiger vom Ausland zu werden», betont Gerig.
Er schätzt, dass es bis zur Umsetzung in Oberegg noch circa sieben Jahre dauern könnte. «Es könnte aber Leuchtturmcharakter haben. Und wer weiss, vielleicht hilft es, wenn es dann steht, dass man es sich anschauen gehen und erleben kann. Aber ob man dafür oder dagegen ist, nimmt zuweilen schon fast religiösen Charakter an.. Klar ist, wir können mit guten Argumenten keine Gegner zum flammenden Befürworter bekehren. Wir müssen nicht restlos alle auf unserer Seite haben – wir setzen nur den Willen von Bund und Kanton um», meint Gerig. Im unmittelbaren Umfeld des Projekts in Oberegg prüft die Appenzeller Wind AG nun die Standorte «Honegg/Ruppen Nord» (Trogen und Wald), «Gstalden» (Gemeindegebiet Heiden und Wald) und «Suruggen» (Trogen und Gais). 2025 nahm der Kantonsrat Appenzell Ausserrhoden sechs Eignungsgebiete für Windenergie in den Richtplan auf, der Bund genehmigte diese Richtplananpassung im Januar. Drei Standorte – Suruggen, Honegg/Ruppen Nord und Hochhamm (Urnäsch) – haben Priorität; am Hochhamm prüft die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG den Bau eines Windparks. Die übrigen drei Gebiete sind nachrangig. Projekte würden frühestens ab 2030 behandelt. «Im Gebiet Gstalden haben wir bereits Gespräche mit Grundeigentümern geführt. Dort führen wir dann während eines Jahres Windmessungen durch, um zu sehen, wie geeignet das Gebiet effektiv ist», sagt Gerig. Im Gebiet «Suruggen» werden dieser Tage die Radarwindmessung abgeschlossen und im Anschluss ausgewertet. «Wir hoffen, dass wir bis im Juni die Ergebnisse haben», sagt Gerig. Ebenfalls werden Umweltverträglichkeitsgutachten erstellt und Flugbewegungen von Zugvögeln und Fledermäusen erfasst.
Mit der Gemeinde Heiden hat die Appenzeller Wind AG bereits Gespräche geführt, Wald, Trogen und Gais sollen folgen. «Nicht alle werden Feuer und Flamme sein, aber davon gehen wir ohnehin immer aus», meint Gerig. Letztlich würden ohnehin immer die Grundeigentümerinnen und -eigentümer entscheiden, ob sie eine Windkraftanlage auf ihrem Grund und Boden wollen oder nicht.
«Kantone können schon Eignungsgebiete im Richtplan eintragen, mehr aber auch nicht. Ich halte es für undenkbar, dass der Kanton heute auf die Idee kommen würde, jemanden für eine Windenergieanlage zu enteignen. Das geht bei der Windenergie nicht», meint Gerig. Schon heute rechnet er auch bei allfälligen neuen Projekten mit langen Verfahren. «Für alle Kantone ist die Windenergie etwas Neues. Die Verfahrenskoordination ist daher hochkomplex für die Behörden. Ihnen ist bewusst, dass keine Fehler passieren dürfen, da Gerichte sonst Verfahrensfehler attestieren können. Gerichte lehnen nicht die Windenergie ab, sondern Fehler in der Eingabe», so Gerig. Andererseits haben gerade kleine Kantone nur geringe Personalressourcen, die sich , um solch komplizierte Projekteingaben kümmern können. «Der Behördenlauf geht lange und ist für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung.» Er fügt an, dass allein die Unterlagen eines Nutzungsplanes mit Umweltverträglichkeitsbericht bis zu tausend Seiten umfassen können. Die Personen bei den Behörden müssen sich durch- und einarbeiten und sich eine Meinung bilden. «Und das immer im Kreuzfeuer der öffentlichen Meinungen. Das ist nicht lustig, aber es ist deren Job», so Gerig.
In den Gebieten «Gstalden» und «Suruggen» könnte die Appenzeller Wind AG mit der Projektplanung eigentlich starten. Aber auch dann wäre ein Bau erst ab 2032 oder 2035 realistisch. «Beim Bau müssen wir auch auf die Jahreszeit achten. Rodungen in Waldgebieten sind aufgrund der nistenden Vögel nur im Winter möglich. Zudem dauert der Bau zweier Anlagen ungefähr ein Jahr. Auch die Lieferfrist für die Anlagen beträgt schnell eineinhalb Jahre», sagt Gerig. Die beiden Anlagen, die in Oberegg geplant sind, würde jährlich rund 13,4 Millionen kWh Windstrom erzeugen. Das entspricht dem Verbrauch von rund 3 500 Haushalten. In Gstalden sähe das ähnlich aus, auf dem Suruggen müssen die Windmessungen noch abgewartet werden. «Aber, es ist ja der gleiche Wind», so Gerig lachend. Dort sieht er ein Potenzial von sechs bis sieben Anlagen. «Das würde dann rund 10 000 Haushaltungen versorgen», sagt er.
Stefanie Rohner
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