Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Milo Rau.
Unter dem Titel «Widerstand hat keine Form – Widerstand ist die Form» hat Milo Rau, der neben vielen anderen Auszeichnungen den Grossen St.Galler Kulturpreis erhielt, Essays, Reden und Gespräche veröffentlicht. Zuletzt war er in St.Gallen besonders aktiv mit der theatermässig inszenierten Forderung, die Mumie «Schepenese» nach Ägypten zurückzugeben, wo sie hingehöre.
Brüskierungen Der in St.Gallen aufgewachsene Milo Rau (49) wird als wohl umstrittenster wie wirkmächtigster politischer Künstler unserer Zeit bezeichnet. Seine Zielscheibe ist immer wieder der Aufstieg der europäischen Rechten, die Ausbeutung und das Vergessen sowie der Zerfall der liberalen Demokratie. Er will die Welt verändern. Dabei bittet er aber auch seine Gegner auf die Bühne, um mit ihnen abzurechnen – zuletzt bei seinem Theaterprojekt «Prozess gegen Deutschland».
Ausgerechnet die ihm nahestehenden Leoni Plaar (Publizistin) und Rainer Mühlhoff (Philosoph) sagten ihre vorgesehene Mitwirkung in Hamburg in letzter Minute ab, weil Rau auch Rechtsaussen eingeladen hatte. In der Schweiz lud Rau einmal Roger Köppel zu den «Zürcher Prozessen», einer Veranstaltung im Zürcher Neumarkt-Theater, ein. Dieser sagte jedoch, wohl aus Angst, in die Mangel zu geraten, ab, während der sehr redegewandte, aus St.Gallen stammende Valentin Landmann einsprang. Auch hier liessen sich verschiedene linke Freunde Raus nicht bewegen, bei den «Zürcher Prozessen» aufzutreten, wohl aus Furcht, in der Weltwoche an den Pranger gestellt zu werden oder Kritik zu ernten, weil sie sich auf der Bühne mit den grössten Gegnern im rechten Lager zeigten. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt bestrafte Rau damit jene, die ihm nahestehen und nicht den Mut zu einer heiklen Auseinandersetzung hatten. Er provoziert eben gerne in alle Richtungen.
Das im Verbrecher-Verlag in Berlin erschienene Buch beweist erneut seine sehr eigene «Ästhetik des Widerstands». Es enthält Texte und Gespräche über Theater, Literatur und Aktivismus, über Herkunft und Heimat. In seinem Vorwort schreibt Rau, es werde eine 25-jährige Reise nachgezeichnet – von der alten in viele neue «Heimaten», von St.Gallen in die Welt –, umrahmt von drei ausführlichen Gesprächen. Natürlich fehlt in diesem Sammelband auch die Rede zur Verleihung des Grossen Kulturpreises der St.Galler Kulturstiftung nicht.
Den Preis von 40'000 Franken vermachte er der «Schepenese» für ihre Rückreise nach Ägypten. Hier zeigt sich Rau zunächst als grosser Liebhaber der Stadt im Grünen: «St.Gallen hat das beste Kino, nämlich das KinoK, das beste Theater, das beste Konzertlokal, nämlich das Palace, die besten Intellektuellen, die besten Bäuerinnen und Bauern, die beste Bratwurst, die beste Kulturjury, die besten Konservativen und Liberalen.» Am meisten liebe er aber die Frische St.Gallens, «diese magische Kühle, die einen umweht, nicht nur im November, sondern auch im tiefsten Sommer.» Er bezeichnet die Stadt auch als wild: «Sie wurde mitten in der Wildnis gegründet, ohne einen anderen Gründungsgrund als die Eingebung eines Mönchs. Wild war St.Gallen schon immer und wild wird die Stadt immer bleiben.» Rau bezeichnet sich denn auch als «Ultra-St.Galler».
Bezüglich seiner Heimat ist der Enkel von Dino Larese interessanterweise ein ganz anderer Typ als der geistig verwandte Meienberg, der seine Stadt mit Satiren übersäte. Schon in seinen jungen Jahren in St.Gallen war Rau ein herber, theatralischer Kritiker, wie aus dem Buch unter Hinweis auf «City of Change» in der Lokremise hervorgeht. Dabei schlüpft Rau in die Rolle des Ministers für Theorie, der auf dem Klosterplatz selbstgebackene Friedenstäubchen verteilte, um für die Petition für ein Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer und ein anderes St.Galler Wappen zu werben. Dies hat er noch heute nicht erreicht. Das lässt erkennen, dass er trotz seiner Liebe zu St.Gallen einiges verändern möchte. Vorausgegangen war einer der grössten Skandale, die Rau erlebte: Geplant war, anhand der politischen Folgen des sogenannten Lehrermords in St.Gallen einen Diskursraum für Fragen der Schweizer Integrationspolitik zu öffnen. Allein die Ankündigung des Vorhabens brachte eine beispiellose Welle der Empörung mit Morddrohungen hervor, sodass das Theater nach wenigen Tagen das Projekt zurückziehen musste. Nicht nur dieser Theaterskandal hätte Rau Grund für ein Ressentiment gegenüber seiner Heimatstadt liefern können, sondern auch die Tatsache, dass ihm der städtische Kulturpreis vom Stadtrat aberkannt wurde, nachdem ihn die Kulturkommission vorgeschlagen hatte. Der St.Galler Stadtrat sprach immerhin von einer «beschämenden Posse politischer Unkultur». Letztes Jahr war Rau in seiner Heimatstadt wieder zu erleben. In seiner mit einer Triggerwarnung versehenen Inszenierung «Medea’s Children» holte er den antiken Mythos um die Königstochter Medea, die ihre Kinder aus Rache umbringt, in die Gegenwart.
Franz Welte
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