Sportstätten – einst, heute, morgen
St. Gallen war beim Bau von Sportstätten zugleich pionierhaft und rückständig – geprägt von wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen.
Die erste Mannschaft des FC St.Gallen anno 1903 auf der Kreuzbleiche. Bild: pd
St. Gallen war beim Bau von Sportstätten zugleich pionierhaft und rückständig – geprägt von wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen.
Sportinfrastrukturen Die Pioniere des Schulturnens mussten für Turnraum kämpfen. Nicht einmal im Freien durfte geturnt werden, sodass Hinterhäuser benutzt wurden, wo keine turnenden Kinder zu sehen waren. Auch ein alter Hühnerstall diente der Turnstunde. 1824 durfte zeitweise die Reithalle benutzt werden, obwohl diese ursprünglich nicht als dafür geeignet erachtet wurde. 1829 übernahm der Zeichnungs- und Turnlehrer Gottlieb Bion (1804 bis 1876) den Turnunterricht und durfte dafür den mit einer Kletterstange ausgerüsteten Unteren Brühl benutzen. Bion nahm auch grossen Anteil am Kulturleben. 1834 wurde das Turnen für die Realschule und das Gymnasium für obligatorisch erklärt, obwohl noch keine Infrastrukturen zur Verfügung standen.
1839 wurde der Bau einer Turnschule für Knaben auf dem Unteren Brühl zwecks Übernahme der Bauarbeiten durch Kunkler ausgeschrieben. Es soll die erste Turnhalle in St. Gallen und eine der ersten in der Schweiz gewesen sein. Sie wurde aus dem Holz der Festhütte des Eidgenössischen Schützenfestes erstellt. 1855 wurde die Turnhalle abgebrochen und mit dem gleichen Material hinter der neu erstellten Kantonsschule wieder aufgebaut. Ein eigentlicher Siegeszug des Turnens war aber in St. Gallen und Umgebung noch nicht zu beobachten 1882 verweigerte der katholische Schulrat Straubenzell die Benützung des Spielplatzes bei der Kirche Bruggen. 1889 wurde eine erste kantonale Verordnung über die Einführung des Schulturnens und die Einrichtung von Turnplätzen mit Geräten erlassen. Das führte dazu, dass in den neuen Schulanlagen meist auch Turnhallen eingeplant wurden. Zudem baute die Stadt gemäss Stadtführer 1927 die «schönste und grösste Turnhalle der Schweiz» auf der Kreuzbleiche, aber erst nach langem Kampf der Turnvereinigung. Noch lange bestand aber weiterhin ein Mangel an Turnraum.
Der 1879 gegründete FC St. Gallen hatte es nicht leicht, Spielfelder zu belegen. Er durfte wohl auf der Kreuzbleiche spielen. Eine Garderobe stand aber hier nicht zur Verfügung. Die Mannschaft belegte daher über Jahre einen Raum im Hotel St. Leonhard und später in einem Privathaus an der Ilgenstrasse mit sehr engen Verhältnissen. Auf der Kreuzbleiche durfte nur zweimal im Jahr ein Eintritt erhoben werden, wodurch sich die Finanzengpässe noch zuspitzten. Die Stadt wollte das Platzproblem beseitigen und schuf ein Projekt auf der Weiherweid, mit Anlagen für den Fussball- und Eisklub, sowie die Schuljugend. Doch die Stimmberechtigten erteilten dem Projekt eine böse Abfuhr. Damals herrschte in St. Gallen eben eine grosse Finanznot und das Stimmvolk verhinderte aus Angst vor noch höheren Steuern manche Investitionen. Der Klub nahm dann die Sportplatzfrage 1910 selbst an die Hand und löste sie auf dem Espenmoos, das dank Ausbaumöglichkeiten über Jahrzehnte dem Klub diente. Nur dank freiwilligen Spenden war diese Lösung mit einer 600 Personen fassenden Holztribüne möglich. Trotz aus heutiger Sicht sehr bescheidener Infrastruktur konnte hier sogar ein internationaler Spielbetrieb eingerichtet werden. 1917 musste der Platz der Gemüse-Anpflanzung zur Verfügung gestellt werden. 1934 erhielt das Espenmoos eine Nachtspielbeleuchtung im Rahmen der St. Galler Lichtwoche. Mit dem Zuzug freiwilliger Arbeitskräfte konnte 1950 die erste Etappe des erweiterten Tribünenhauses mit nunmehr 1100 Sitzplätzen fertiggestellt werden. Obwohl die Stadt und das Sport-Toto finanzielle Unterstützung zusicherten, blieb ein namhafter Betrag zur Deckung durch den Klub offen.
1967 gaben mit einem knappen Jahr die Stimmbürger «grünes Licht» für den Tribünen-Neubau mit 2200 Plätzen, eine Stahlkonstruktion mit Aluminiumüberdachung, mit einem namhaften städtischen Beitrag an die Gesamtkosten von anderthalb Millionen. Die vom FC aufzubringende Bausumme von 200 000 Franken musste durch Mitglieder und Gönner zusammengetragen werden. Durch den Bau einer Stehrampe und weiteren Ausbauten konnte das Fassungsvermögen auf 15 000 vergrössert werden. In Zusammenhang mit der Sanierung des FC St. Gallen wurde 1987 die «Stadiongenossenschaft Espenmoos» gegründet. 1999 wurde dann durch private Initiative die Idee eines Fussballstadion West, kombiniert mit einem Einkaufs- und Freizeitzentrum, lanciert. 2008 konnte die «AFG Arena St. Gallen», heute Kybunpark, eröffnet werden. Im Espenmoos gelang es dadurch, das Manko beim Angebot an Fussballfeldern für den Breitensport zu reduzieren. Für die Sanierung der Haupttribüne wurden 3,2 Millionen und für die Anpassung der Spielfelder, insbesondere die Neuanlage eines Kunstrasenspielfeldes, 2,7 Millionen investiert. Die Sportanlage Krontal wurde 1911 eingeweiht mit einem Freundschaftsspiel gegen den FC Lausanne – mit einem 8:1 Erfolg für Brühl. Vorher fanden die Spiele des SC Brühl auf der Kreuzbleiche, auf der Weiherweid und im Gross-acker statt. Der Stadion-Rekord fand 1970 statt mit dem legendären Stadtmatch SCB-FCSG (0:2) mit 10 500 Schaulustigen mit Stehplatz-Rampen aus Holz. 2006/07 erfolgte nach einer Totalsanierung die Umbenennung in Paul-Grüninger-Stadion. Dieses weist rund 4000 Zuschauer-Plätze auf.
Eine St. Galler Velorennbahn an der Rehetobelstrasse mit einer Zuschauerbühne und gedeckter Halle wurde 1905 vom erst 25-jährigen St. Galler Velohändler Louis Andreazzi erstellt. Sie bestand allerdings nur bis 1908. Zuerst plante er eine 250 Meter lange Anlage, ergänzte dann aber sein Baugesuch. Die Anlage wurde auf eine Länge von 300 Meter disponiert, ergänzt mit einem dreieinhalb Meter hohen Zaun sowie mit Zuschauertribünen und Garderoben. Als die Holzbahn mit einer sechs Meter breiten Piste eingeweiht wurde, schwärmten die Profis, es sei die «beste Bahn» Europas». Vorbild war die berühmte Buffalobahn in Paris. Damals gab es in der Schweiz nur in Thun eine Velorennbahn, nicht jedoch von der Grösse der neuen Bahn in St. Gallen. Rekordversuche wurden veranstaltet, Show-Rennen, Fussballspiele und Meisterschaften. Schon bald aber hatte Andreazzi nichts mehr zu tun mit seiner Schöpfung. Es gab Meinungsverschiedenheiten in der Leitung, finanzielle Probleme und ebenfalls noch 1905 wurde in Zürich die Hardauer Rennbahn eröffnet, die sich zu einer grossen Konkurrenz zu St. Gallen entwickelte. Wenig später kam in Lugano eine weitere dazu. So musste Andreazzi die Anlage schon 1906 wieder an zwei Zürcher verkaufen. Diese veräusserten die Anlage dann weiter an den Bauunternehmer Fidel Lampert. Der Velohändler verliess frustriert die Stadt, zog nach Herisau und liess sich in Trogen nieder, wo sich seine Spuren verlieren. Lampert mag auf das verbaute Holz spekuliert haben, doch ging der Betrieb einstweilen weiter mit dem Ersten Ostschweizerischen Verbandsfest des schweizerischen Radfahrerbundes 1907 und dem «Internationalen Wettrennen» von acht Stunden nach amerikanischer Art. Das «Tagblatt» frohlockte: «Die ‘Radlerei’ ist zum wertvollen Verkehrsmittel geworden. (…) Das Rad hat seinen Platz erobert und es wird ihn behaupten, auch neben dem Automobil, denn eines schickt sich nicht für alles». Prophetische Worte, denn gerade heute wird für die Verbesserung der Veloinfrastruktur in St. Gallen sehr viel getan. Kurz vor dem Abbruch wegen wirtschaftlicher Probleme wurde hier 1908 noch das Fussballspiel Old Boys Basel gegen FC St. Gallen ausgetragen. Das Gelände wurde teilweise überbaut. Auf einem Teil des Areals steht heute das Paul-Grüninger-Stadion. 1906 erhielt Andreazzi übrigens auch die Bewilligung, in seinem Velogeschäft an der Rosenbergstrasse 53 ein Kino zu erstellen. Weshalb das Projekt dann doch nicht realisiert wurde, ist nicht bekannt.
(Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe)
Von Franz Welte
Lade Fotos..