Claudia Wetter
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Die Jugendabteilung des HC Eisbären in der Saisonvorbereitung 2025 auf dem Sommereis im Lerchenfeld.
Die Stadt St.Gallen entzieht dem HC Eisbären für die Saison 2026/2027 das Sommereis. Der Entscheid erfolgte am 5. Februar und betrifft vier entscheidende Wochen im August. Während die Stadt auf Personalmangel und Sparnotwendigkeiten verweist, sieht der Verein seine Existenz bedroht und denkt über einen Standortwechsel nach.
Eishockey Der HC Eisbären St.Gallen steht vor einer existenziellen Herausforderung. Die Stadt St.Gallen hat dem Verein mitgeteilt, dass für die Saison 2026/2027 weder Sommereis zur Verfügung gestellt wird noch eine Sommernutzung der Eishalle Lerchenfeld möglich ist. Betroffen ist der Zeitraum vom 2. bis 28. August – ausgerechnet jene vier Wochen, in denen normalerweise ein wesentlicher Teil der Saisonvorbereitung stattfindet.
Der HC Eisbären hatte der Stadt mehrere konstruktive Lösungsvorschläge unterbreitet. Unter anderem bot sich der Verein an, Betrieb und Organisation der Anlage selbst zu übernehmen, sich mit 30'000 Franken finanziell am Sommerbetrieb zu beteiligen oder die eigenständige Vermietung der Halle zu organisieren. Die Vorschläge wurden jedoch nicht angenommen. «Der Wegfall des Sommereises würde eine adäquate Saisonvorbereitung verunmöglichen», sagt Marco Bleichenbacher, Präsident des HC Eisbären St.Gallen. Leistungsorientierte Athletinnen und Athleten ab den Stufen U14 Top und U16 Top sowie weitere Mannschaften müssten praktisch ohne Vorbereitung direkt in den Saisonbetrieb starten. Dies hätte zahlreiche negative Auswirkungen, unter anderem auch auf die sportliche Entwicklung und die Nachwuchsförderung.
Als einzige Alternative komme derzeit die Anmietung von Eisflächen in auswärtigen Eishallen infrage. «Ein ausschliessliches Trockentraining bis Anfang September ist aus sportlicher Sicht unrealistisch und widerspricht sowohl dem aktuellen Ausbildungskonzept als auch der gängigen Praxis vergleichbarer Eishockeyvereine», so Bleichenbacher. Die finanziellen Folgen seien beträchtlich. Aufgrund des Zeitpunkts der Mitteilung – mitten in der Abschlussphase der Saisonplanung 2026/27 – könnten derzeit noch keine konkreten Zahlen genannt werden. «Es müssten rund 60 Eiszeiten à mindestens 60 Minuten bei externen Eishallenbetreibern organisiert werden, wodurch die gesamte Saisonvorbereitung neu geplant werdenmüsste», so Bleichenbacher. Für die Mitglieder wäre mit einer zusätzlichen finanziellen Belastung von mindestens 300 Franken pro Saison zu rechnen. «Die aktuellen Mitgliederbeiträge liegen – je nach Stufe – zwischen 380 Franken und 550 Franken und würden allein zur Deckung der Mehrkosten entsprechend erhöht werden müssen», so Bleichenbacher. Zusätzlich entstünden für die Familien weitere indirekte Kosten durch erhöhten logistischen Aufwand, Transport und zusätzliche Betreuung. Der Verein befürchtet, dass Kinder und Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien vom Eishockeysport ausgeschlossen würden und bestehende Mitglieder auf umliegende Vereine abwandern könnten.
Besonders schwer wiegt für den Vereinspräsidenten die Art und Weise der Kommunikation. «Das Vertrauen in die Stadt wurde durch dieses Vorgehen erheblich geschwächt», so Bleichenbacher. Die Mitteilung sei in einer entscheidenden Phase der Saisonvorbereitung erfolgt, in der bereits zahlreiche Termine und Kooperationen mit Partnervereinen vereinbart gewesen seien. Der HC Eisbären stellt die Frage nach der Nutzung der städtischen Infrastruktur. Mit dem Bau und der Inbetriebnahme der städtischen Eishalle im Jahr 2005 sei eine moderne und energieeffiziente Anlage geschaffen worden, die auch für den Sommerbetrieb ausgelegt sei und über eine Abwärmenutzung zur Erwärmung des Badewassers im Freibad Lerchenfeld verfüge. Ein durchgehender Sommerbetrieb sei jedoch nie realisiert worden. «Wir stellen daher konkret die Frage, weshalb das volle Potenzial dieser energieeffizienten Anlage nicht ausgeschöpft wird und weshalb die Eishalle nicht konsequent als regionaler sportlicher Anker genutzt wird sowie es auch in anderen Städten und Gemeinden der Fall ist», so Bleichenbacher. Zudem betont Bleichenbacher, dass der Verein jährlich rund 100'000 Franken an Belegungsgebühren an die Stadt St.Gallen generiert. Sollte die Stadt ihren Entscheid nicht überdenken, werde der Verein gezwungen sein, die Saisonplanung alternativ neu zu gestalten. «Wir machen uns zurzeit sogar Gedanken über einen möglichen vollständigen Standortwechsel des Vereins», so Bleichenbacher. Der HC Eisbären fordert von Stadtregierung, Parlament und zuständigen Fachstellen eine politische Neubewertung des Entscheids, eine verbindliche Einbindung der betroffenen Vereine in die Lösungsfindung sowie ein klares Bekenntnis zur Nachwuchs- und Leistungssportförderung. «Eishockey ist kein Luxusprojekt, sondern gelebte Jugend-, Sozial- und Standortpolitik», sagt Bleichenbacher.
Andreas Horlacher, Leiter der Dienststelle Infrastruktur Bildung und Freizeit der Stadt St.Gallen, begründet den Entscheid mit der angespannten Personalsituation. «Seit gut 13 Jahren verfolgt die Stadt eine kontinuierliche Konsolidierungsstrategie, umgesetzt in den Sparprogrammen ‹Fit13+›, ‹Futura› und ‹fokus25› und aktuell in ‹Alliance›», erklärt Horlacher. In dieser Zeit seien Strukturen angepasst, Prozesse optimiert und Leistungen überprüft worden. «Dies führte im Anlagenbetrieb für das Jahr 2025 zu einem Stellenabbau. Entsprechend kann das Sommereis 2026 wegen fehlender personeller Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt werden.» Horlacher betont, dass dieser Entscheid aufgrund von Sachzwängen gefällt wordensei. «Im Sinne des Sports hätten wir gerne am Angebot festgehalten», sagt er. Der Dialog mit den Sportvereinen sei der Stadt wichtig. Deshalb habe man den Präsidenten des HC Eisbären und die Präsidentin des EC St.Gallen persönlich über die Umstände und den Entscheid informiert. «Sechs Monate Vorlauf erachte ich als frühzeitig. Ausserdem besteht keine rechtliche Verpflichtung zur Bereitstellung von Sommereis», so Horlacher. Er betont zudem, dass das Eissportzentrum Lerchenfeld beim Bau nicht für den Betrieb im Sommer konzipiert wurde. Sommereis sei nachweislich erst ein paar Jahre nach Inbetriebnahme der Anlage erstmals zum Thema geworden. Zudem sei die Nutzung der Abwärme technisch zwar möglich, bringe im Sommer aber keinen Nutzen. «Das Wasser muss im Freibad nicht erwärmt werden. Badegäste suchen im Sommer Abkühlung», so Horlacher. Die Stadt hat drei Alternativen geprüft und wieder verworfen, unter anderem auch die Übernahme des Sommerbetriebs durch die HC Eisbären für die Zeit von Mitte Juli bis Ende August. «Die komplexe Technik verlangt professionelles Personal mit SUVA/EKAS-Qualifikation. Den Vereinen fehlt dieses Knowhow», so Horlacher. Dies erhöhe die Störanfälligkeit und das Ausfallrisiko massiv. Die Verantwortung für Unfälle, Notfälle und Anlagenwartung bleibe bei der Stadt, und der Koordinationsaufwand zwischen einem privaten Betreiber und dem Anlagenpersonal bleibe bestehen. Auch die Finanzierung der Fixkosten durch den Verein sei keine Option gewesen. Die Fixkosten für Strom, Frischwasser, Eisaufbereitung und Personal beliefen sich für die zusätzlichen Betriebswochen im August jedoch auf einen mittleren fünfstelligen Betrag. Dies könne der HC finanziell schlicht nicht stemmen. Als dritte Alternative wurde der Einsatz von synthetischem Eis geprüft. Diese Alternative eigne sich auf dem aktuellen technologischen stand jedoch noch nicht als Ersatz für Eis auf dem Grossfeld.
Die Suche nach einer Alternative sei auch deshalb angezeigt, weil die Produktion von Sommereis aus ökologischer Sicht nicht zu verantworten sei, so Horlacher. Ökologisch führe der hohe Stromverbrauch im Sommer, wenn die Kälteanlagen auf Volllast gegen die Hitze ankämpfen müssten, zu erheblichen CO₂- Emissionen. Zudem würden für das häufige nacheisen grosse Mengen Trinkwasser benötigt. Der Betrieb einer energieintensiven Eissportanlage im Hochsommer sende ein falsches Signal in Zeiten, in denen Städte und Gemeinden Reduktionsziele im Energie- und Klimabereich verfolgten. «St.Gallen hat das Verständnis, sich als Sportstadt kontinuierlich zu entwickeln. In diesem Kontext muss die Stadt vielen verschiedenen Sportarten gerecht werden. Dies erfordert Justierungen, insbesondere auch bei den Ressourcen, um den vielfältigen Interessen aller Sportarten und Anspruchsgruppen bestmöglich gerecht zu werden», sagt Horlacher. Je nachdem, wie sich die finanzielle und personelle Situation der Stadt St.Gallen entwickle, sei man bereit, das Thema Sommereis für 2027 neu zu beurteilen.
Selim Jung
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