Der neu gegründete Verein Pro Tannenberg setzt sich gegen den Bau von Windkraftanlagen auf dem Waldkircher Tannenberg ein.
15.04.2026 12:54
Widerstand gegen Windpark am Tannenberg
Der neu gegründete Verein «Pro Tannenberg» kämpft gegen vier geplante Windanlagen der Axpo
Die Axpo plant auf dem Tannenberg zwischen Andwil und Waldkirch vier Windkraftanlagen. Noch bevor die Windmessungen erste belastbare Daten liefern, hat sich lokaler Widerstand formiert: Der neu gegründete Verein «Pro Tannenberg» ortet gravierende Probleme – nicht nur für die Natur, sondern auch für die Wirtschaftlichkeit des Projekts.
Energiewende Die Axpo plant am Tannenberg in den Gemeinden Waldkirch und Andwil einen Windpark mit vier Turbinen. Jede Anlage soll eine Gesamthöhe von 230 Metern erreichen – fast so hoch wie der Eiffelturm und ein Vielfaches der lokalen Kirchtürme. Die vier Anlagen sollen zusammen rund 30 Gigawattstunden (GWh) Strom pro Jahr erzeugen, was dem Verbrauch von rund 6'700 Personen entspricht. Rund zwei Drittel der Produktion würden im Winter anfallen – dann, wenn die Schweiz besonders auf einheimischen Strom angewiesen ist. Das Projekt befindet sich noch im Vorprojekt-Stadium. Mitte April 2025 starteten die Windmessungen: Ein 125 Meter hoher Messmast auf dem Gemeindegebiet von Waldkirch erfasst über mindestens ein Jahr hinweg Daten zu Windstärke, Windrichtung, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Fledermausaktivität. Die Axpo sieht das Projekt als regional verankertes Vorhaben und stellt in Aussicht, dass sich die Gemeinden an einerlokalen Projektgesellschaft beteiligen können.
Vorgaben zwingen zum Handeln
Der Hintergrund des Projekts liegt in der Schweizer Energiepolitik: 2017 hat das Stimmvolk das revidierte Energiegesetz angenommen, das den Ausbau erneuerbarer Energien und die Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens vorschreibt. Bis 2050 sollen schweizweit 4,3 Terawattstunden Strom pro Jahr aus Windenergie erzeugt werden. Für den Kanton St.Gallen bedeutet dies ein Produktionsziel von 130 bis 400 GWh pro Jahr – was dem Bau von schätzungsweise 60 bis 80 Windanlagen entspricht. Der Kanton hat daraufhin 38 potenzielle Interessengebiete auf ihr Windpotenzial und ihre Vereinbarkeit mit Schutzinteressen untersucht. Dabei wurden Faktoren wie Grundwasserschutz, Landschaftsschutz, Tier- und Naturschutz sowie Konflikte mit dem Instrumentenflugverfahren von Skyguide gegeneinander abgewogen. Von den 38 Gebieten qualifizierten sich 22 als potenzielle Eignungsgebiete, bei 17 davon überwiegt laut Kanton das Nutzungsinteresse. Der Tannenberg gehört zu diesen 17 Gebieten. Noch bevor die Windmessungen abgeschlossen sind, hat sich in der Region Widerstand organisiert. Der Verein «Pro Tannenberg» zählt bereits 150 Mitglieder. Vereinspräsident Rico Lehmann erklärt die rasche Mobilisierung mit der Bedeutung des Gebiets für die Bevölkerung: «Das Gebiet Tannenberg mit Hohfirst und dem Andwiler Moos ist ein zentrales Naherholungsgebiet, nicht nur für die umliegenden Gemeinden, sondern für die ganze Region. Viele Menschen nutzen es täglich, um Ruhe zu finden, die Natur zu geniessen, für sportliche Aktivitätenoder einfach dem Nebel zu entfliehen. Die zahlreich parkierten Autos zeugen täglich von dieser intensiven Nutzung.» Für Lehmann kommt erschwerend hinzu, dass der Tannenberg als kantonales Landschaftsschutzgebiet und das Andwiler Moos als nationales Naturschutzgebiet ausgewiesen sind. Die Ablehnung des Vereins stützt sich auf drei Säulen: den Schutz der Lebensqualität und Gesundheit der Anwohnerinnen und Anwohner, die Bewahrung der Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie die Ablehnung des Projekts als unwirtschaftlich und hochsubventioniert.
Lärm, Schattenwurf und Risiken für das Trinkwasser
Der Verein sorgt sich auch um die direkten Auswirkungen auf Mensch und Natur. «Nun ist geplant, in diesem Gebiet 230 Meter hohe Windanlagen zu bauen im Abstand von teilweise nur 300 Metern zu dauerhaft bewohnten Liegenschaften. Auswirkungen auf Mensch, Natur und Umwelt sind enorm einschneidend durch die sich drehenden Rotoren, sei es durch Lärm, Schattenwurf oder nächtliches Blinken», sagt Lehmann. Hinzu kommen Bedenken bezüglich des Trinkwassers. Lehmann betont, dass der Tannenberg das Wasserschloss der umliegenden Gemeinden sei: Verschiedene Grundwasserschutzzonen und Quellfassungsgebiete seien ausgewiesen. Beeinträchtigungen dieser Systeme seien nicht abzuschätzen. Auch auf einen weniger bekannten Risikofaktormacht er aufmerksam:den PFAS Abrieb der Rotorblätter, der sich im umliegenden Landwirtschaftsland ablagern und ins Ökosystem gelangen könnte.
Streit um die Windqualität
Der Kanton stuft die Windverhältnisse am Tannenberg als günstig ein, auch der Schweizer Windatlas bestätigt dies. Lehmann bestreitet diese Einschätzung und begründet dies mit einem Vergleich internationaler Standards. «Der Windatlas am Tannenberg gibt Windgeschwindigkeiten vor von 5.5 bis 6 Meter Wind pro Sekunde, klassiert wird dies von den St.Galler Behörden als «sehr gut».International wird dieses Windaufkommen aber als «schwach» klassiert. Ein «sehr gut» wird erst über 7.5 Meter Wind pro Sekunde erteilt», so Lehmann. Lehmann stützt seine Skepsis auch auf die bisherige Bilanz der Schweizer Windkraft. Die rund 50 in der Schweiz in Betrieb stehenden Windanlagen erreichten lediglich einen technischen Kapazitätsfaktor von etwa 18 Prozent. Für einen wirtschaftlichen Betrieb wären jedoch 30 bis 40 Prozent notwendig. Das geplante Investitionsvolumen des Projekts beziffert er auf 60 Millionen Franken, wovon rund 60 Prozent – also 40 Millionen Franken – durch Steuergelder subventioniert würden. «Wir stellen die Verhältnismässigkeit somit in Frage. Die Windmessung der Axpo steht noch aus, wir sind aber gespannt, wie objektiv diese beurteilt wird», sagt Lehmann.
Nicht grundsätzlich dagegen
Der Verein betont, nicht generell gegen erneuerbare Energien zu sein. Lehmann hält fest, dass Windkraft unter den richtigen Bedingungen durchaus sinnvoll sein könne – am Tannenberg sieht er diese jedoch nicht gegeben: «Wir sind nicht grundsätzlich gegen erneuerbare Energien – im Gegenteil: Windkraft kann ein sinnvoller Bestandteil der Energieversorgung sein. Entscheidend sind jedoch die Rahmenbedingungen.» Er verweist auf Erfahrungen aus dem Ausland, wo Mindestabstände zu bewohntem Gebiet deutlich grösser gewählt würden und wo bereits Gerichtsurteile zu gesundheitlichen Schäden sowie Liegenschaftsentwertungen durch Windkraftanlagen vorliegen. Die Schweizer Behörden ignorierten diese Erfahrungen, kritisiert Lehmann. Statt Windkraft setzt Lehmann auf andere Energieträger. Er plädiert für einen stärkeren Ausbau der Wasserkraft und der Solarenergie inklusive Batteriespeicherung. Langfristig kommt er dabei auch auf die Atomkraft zu sprechen. «Um die Versorgungssicherheit zu lösen, ist ein Mix aus Wasserkraft, Atomkraft, Gaskraftwerke und erneuerbarer Energie nötig. Windenergie allein kann das Problem nicht lösen», sagt Lehmann.
Mitwirkung im Fokus
Auf die Frage, wie lokaler Widerstand mit der nationalen Verantwortung gegenüber der Energiewende vereinbar sei, antwortet Lehmann differenziert. Er räumt ein, dass Gemeinden eine Mitverantwortung gegenüber der Gesamtgesellschaft trügen – aber eben auch gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung. «Lokale Anliegen sollten ernst genommen werden. Eine nachhaltige Lösung kann nur gelingen, wenn Projekte sowohl national sinnvoll als auch lokal tragbar sind», so Lehmann. Konkret will der Verein auf mehreren Ebenen aktiv werden. Neben dem Einsatz für klare Mindestabstandsregeln von Windenergieanlagen zu bewohnten Liegenschaften setzt sich «Pro Tannenberg» dafür ein, dass demokratische Mitwirkungsrechte gewahrt bleiben. Lehmann verweist dabei auf die Gemeindeschutzinitiative und die Waldschutzinitiative – zwei politische Vorhaben, die Windkraftprojekte erschweren und die Entscheidungsgewalt stärker auf kommunale Ebene verlagern würden. Das Projekt der Axpo befindet sich derweil noch in einer frühen Phase. Die Windmessungen laufen, eine Machbarkeitsstudie steht aus. Bis zu einem allfälligen Baugesuch dürften noch Jahre vergehen – der politische Kampf um den Tannenberg hat aber bereits begonnen.
Selim Jung