Auch in Boxloo in Rossrüti bei Wil SG misst die Axpo seit vergangener Woche mit Hilfe eines Windmessmast die Windstärke. Bild: Axpo/Roman Gaigg
22.04.2026 16:26
«Windkraft ist zentral für eine sichere Energiezukunft»
Die Axpo plant auf dem Tannenberg zwischen Andwil und Waldkirch vier Windkraftanlagen. Die vier Turbinen sollen zusammen rund 30 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugen – genug für rund 6’700 Personen.
Energiewende Das Projekt befindet sich noch im Vorprojekt-Stadium: Seit Mitte April 2025 erfasst ein 125 Meter hoher Windmessmast auf dem Gemeindegebiet von Waldkirch über mindestens ein Jahr Daten zu Wind, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Fledermausaktivität. Der energiepolitische Hintergrund: 2017 hat das Stimmvolk das revidierte Energiegesetz angenommen, das den Ausbau erneuerbarer Energien vorschreibt. Bis 2050 sollen schweizweit 4,3 Terawattstunden Strom pro Jahr aus Windenergie erzeugt werden. Für den Kanton St.Gallen bedeutet dies ein Produktionsziel von 130 bis 400 Gigawattstunden – was dem Bau von 60 bis 80 Windanlagen entspricht. Nach einer Interessenabwägung von 38 potenziellen Gebieten stufte der Kanton 15 als geeignet ein. Der Tannenberg gehört dazu.
Noch vor Abschluss der Messungen hat sich mit dem Verein «Pro Tannenberg» lokaler Widerstand formiert. Die 150 Mitglieder starke Gruppe lehnt das Projekt ab: Sie befürchtet Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität der Anwohner, sieht Risiken für Natur und Trinkwasser und zweifelt an der Wirtschaftlichkeit. Vereinspräsident Rico Lehmann kritisiert zudem, dass der Standort international als windschwach gelte, Schweizer Windanlagen bisher nur einen Kapazitätsfaktor von 18 Prozent erreichten und das Projekt zu einem grossen Teil durch Steuergelder subventioniert werde. Silvan Hänni, zuständig für Media Relations bei der Axpo, nimmt Stellung.
Warum ist das Windkraftprojekt am Tannenberg für die Axpo wichtig – und sind im Kanton St.Gallen weitere Projekte geplant?
Silvan Hänni: Windkraft ist zentral für eine sichere und nachhaltige Energiezukunft in der Schweiz. Vor allem im Winter – wenn andere erneuerbare Energiequellen wie Solar weniger produzieren – kommt der Technologie im Energiemix eine zentrale Bedeutung zu. Diese Ansicht teilen etwa auch der Bund und der Kanton St.Gallen. Letzterer hat Gebiete festgelegt, die sich für Windparks eignen. Das Gebiet Tannenberg mit seinen 1500 Hektaren zwischen Andwil, Waldkirch und Engelburg ist eines davon. Die Axpo prüft nun innerhalb dieses Gebiets mögliche Standorte für Windkraftanlagen.
Die Axpo prüft alle potenziellen Windeignungsgebiete systematisch nach drei Kriterien: Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und die Einbettung in die Region. Werden dabei zentrale Kriterien nicht erfüllt, wird ein Projekt nicht weiterverfolgt. Das Projekt am Tannenberg befindet sich aktuell in der ersten Phase, derjenigen der Wirtschaftlichkeitsprüfung.
In der gleichen Phase befindet sich seit vergangenem Mittwoch auch das Windeignungsgebiet Boxloo in Rossrüti bei Wil SG, wo nun der Windmessmast installiert wurde. In Rüthi/Sennwald ist ein drittes Projekt im Kanton seit dem Projektausstieg der Gemeinde Rüthi zurzeit pausiert.
Die Windmessungen am Tannenberg starteten im April 2025 und dauern mindestens ein Jahr. Wann rechnen Sie mit belastbaren Ergebnissen – und ab welchem Messwert würden Sie das Projekt als nicht rentabel einstufen und aufgeben?
Die Windmessungen mittels Windmessmast dauern in der Regel 12 bis 18 Monate. Am Tannenberg dauert diese Phase noch rund sechs Monate. Gleichzeitig folgen nächste Woche noch sogenannte Lidar-Messungen – Windmessungen mit einer alternativen Messtechnik, die die Datenlage ergänzen und so möglichst deutliche Schlüsse zulassen soll. Mit belastbaren Ergebnissen rechnen wir nach anschliessender Auswertung der Daten – voraussichtlich Anfang 2027.
Der Verein «Pro Tannenberg» bezweifelt, dass der Tannenberg windtechnisch für einen Windpark geeignet ist. Der Schweizer Windatlas weist Windgeschwindigkeiten von 5,5 bis 6 Meter pro Sekunde aus – international gilt das als «schwach». Wie begegnen Sie dieser Kritik?
Zunächst stimmt es, dass durchschnittliche Windgeschwindigkeiten von 5,5 bis 6 m/s im internationalen Vergleich nicht zu den Spitzenwerten gehören. Allerdings sind solche Werte für die Schweiz keineswegs ungewöhnlich, sondern bewegen sich im Bereich vieler bereits realisierter oder geplanter Standorte. Gerade in einem Binnenland mit komplexer Topografie gelten andere Masstäbe als etwa an Küsten oder Offshore-Standorten.
Entscheidend ist zudem nicht nur die mittlere Windgeschwindigkeit, sondern das gesamte Windprofil: Wie konstant weht der Wind? Wie oft treten nutzbare Windgeschwindigkeiten auf? Moderne Windenergieanlagen sind technisch so weit entwickelt, dass sie auch bei moderaten Windverhältnissen wirtschaftlich betrieben werden können. Niedrigere Anlaufgeschwindigkeiten und optimierte Rotoren ermöglichen heute eine deutlich bessere Ausnutzung solcher Standorte als noch vor einigen Jahren. Als – wie gesagt – sehr vereinfachte Kenngrösse ist für die Axpo so ab rund 5 m/s ein wirtschaftlich tragbarer Betrieb einer Windanlage möglich.
Hinzu kommt, dass der Windatlas eine modellbasierte, grossräumige Darstellung liefert. Für die konkrete Projektbeurteilung werden jedoch detaillierte, standortspezifische Messungen durchgeführt, die lokale Effekte – etwa durch Geländestrukturen – präziser erfassen. Diese können die tatsächliche Eignung deutlich differenzierter darstellen.
Letztlich geht es auch um die energiepolitische Gesamtabwägung: Die Schweiz wird ihre erneuerbare Stromproduktion nicht nur an den besten Einzelstandorten sichern können. Auch Standorte mit mittleren Windverhältnissen leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit, insbesondere im Winterhalbjahr, wenn Windenergie eine sinnvolle Ergänzung zur Wasserkraft darstellt. Kurz gesagt: Die angegebenen Windwerte sind weder richtig angewandt, noch sind sie ein Ausschlusskriterium. Sie müssen im Kontext moderner Technologie, detaillierter Messdaten und der energiepolitischen Ziele beurteilt werden.
Stimmt es, dass die geplanten Windanlagen teilweise nur 300 Meter von dauerhaft bewohnten Liegenschaften entfernt stehen sollen? Falls ja: Halten Sie diesen Abstand für vertretbar – und orientieren Sie sich dabei an nationalen oder internationalen Standards?
Der Kanton St.Gallen hat Gebiete festgelegt, die sich für Windparks eignen. Das Gebiet Tannenberg ist eines davon. Die Axpo prüft innerhalb dieses Gebiets mögliche Standorte. Diese sind aber nicht definitiv festgelegt, sondern hängen unter anderem von den Resultaten der laufenden Windmessungen ab.
Weisen die Windmessungen ein ausreichendes Windvorkommen für einen wirtschaftlich tragbaren Betrieb aus, und gibt die anschliessende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) grünes Licht, werden die Standorte aufgrund der Messresultate, im Sinne einer sinnvollen Einbettung in die Region und im engen Austausch mit den entsprechenden Gemeinden festgelegt.
Lärm- und Abstandsthemen sind in der Schweiz zudem indirekt durch die Lärmschutzverordnung geregelt. Für Windenergieanlagen gelten deshalb strenge gesetzliche Vorgaben, die im Rahmen eines Projekts detailliert geprüft werden müssen. Sollten die gesetzlichen Grenzwerte oder Anforderungen nicht eingehalten werden können, wäre ein Projekt an diesem Standort nicht realisierbar.
Die genannten Standorte beziehen sich somit auf Untersuchungsräume, in denen wir das Windpotenzial und weitere Rahmenbedingungen analysieren. Ob und wo genau Anlagen stehen könnten, ist Gegenstand späterer Planungsschritte und erfolgt im engen Austausch mit den Gemeinden – vorausgesetzt natürlich, die grundlegenden Kriterien werden überhaupt erfüllt.
Der Tannenberg liegt in einem kantonalen Landschaftsschutzgebiet, das Andwilermoos ist national geschützt. Der Verein Pro Tannenberg macht zudem auf mögliche Risiken durch PFAS-Abrieb der Rotorblätter sowie auf ausgewiesene Grundwasserschutzzonen aufmerksam. Wie stellen Sie sicher, dass das Projekt diese Schutzinteressen nicht verletzt?
Für solche Themen kommt bei möglichen Windparkprojekten unser systematischer Prüfungsansatz zum Tragen: Nur wenn ein Standort wirtschaftlich sinnvoll ist, die Umweltverträglichkeit gewährleistet werden kann und eine tragfähige Einbettung in die Region gelingt, wird ein Projekt weiterverfolgt.
Rund 60 Prozent des geplanten Investitionsvolumens sollen laut dem Verein «Pro Tannenberg» durch Steuergelder subventioniert werden. Können Sie diese Zahl bestätigen?
Das Subventionsregime aufProzentbasis, woher auch die erwähnten 60 Prozent stammen dürften, wurde jüngst durch ein neues abgelöst. Mittlerweile ist es so, dass für Anlagenunterhalbvon1'000Meternüber Meer 1,3 Millionen Franken pro Megawatt ausbezahlt werden. Wendet man das Regime auf das Windparkprojekt Tannenberg an, kommt man auf einen Subventionsanteil irgendwo zwischen 50 und 55 Prozent. Das hängt aber von der Leistung des Windparks ab. Dadurch unterstützt der Bund leistungsstärkere Anlagen für mehr Strom.
Der Verein «Pro Tannenberg» wurde gegründet, noch bevor die Windmessungen abgeschlossen sind. Wie beurteilen Sie den frühen und breiten Widerstand – und hätten Sie die Bevölkerung früher oder anders in den Prozess einbeziehen sollen?
Wir verstehen, dass ein solches Projekt Fragen und auch Bedenken auslöst. Das ist legitim, gilt ernst zu nehmen und ist Teil eines demokratischen Prozesses.
Gerade im Sinne einer funktionierenden Demokratie ist es zentral, dass sich alle Beteiligten auf möglichst belastbare und vollständige Informationen stützen können. Werden Debatten sehr früh auf der Basis von Annahmen oder unvollständigen Darstellungen geprägt, besteht die Gefahr, dass sich Meinungen verfestigen, bevor die relevanten Fakten überhaupt vorliegen.
Unser Anspruch ist deshalb, Transparenz zu schaffen, sobald verlässliche Grundlagen vorhanden sind – und den Dialog so zu führen, dass sich Bevölkerung und Gemeinden auf dieser Basis eine eigene, fundierte Meinung bilden können.
Fakt ist: Die Schweiz ist dringend auf den Ausbau der Energieinfrastruktur angewiesen. Windkraft spielt dabei, vor allem wegen ihres wertvollen Beitrags im Winter, eine zentrale Rolle. Windparkprojekte tragen so nicht nur zur nachhaltigen, unabhängigen Stromversorgung und zur Reduktion von CO₂ bei, sondern generieren ebenfalls eine lokale Wertschöpfung. Die Axpo setzt auf Transparenz, Dialog und beste verfügbare Technik, um ein verantwortungsvolles Projekt zu schaffen.
Die Axpo bietet den Gemeinden Waldkirch und Andwil eine Beteiligung an der Projektgesellschaft an. Wie konkret ist dieses Angebot bereits – und unter welchen Bedingungen könnten die Gemeinden einsteigen?
Die Gemeinden können sich bei Interesse mittels Kapitaleinzahlung an der Projektgesellschaft beteiligen. Dafür gibt es weder Hürden noch Bedingungen wie Einstiegs- oder Einkaufspreise.
Interview: Selim Jung