Der Weg ist ihr Ziel – im Beruf wie am Berg
Die St. Gallerin Kerstin Unmüssig läuft Ultramarathons und sorgt als Berechnungsingenieurin bei Stadler Rail für sichere Züge.
Die St. Gallerin Kerstin Unmüssig läuft Ultramarathons und sorgt als Berechnungsingenieurin bei Stadler Rail für sichere Züge.
Ultramarathon Wer Kerstin Unmüssig nach ihrer perfekten Laufstrecke fragt, bekommt eine Antwort, die nach Freiheit und Abenteuer klingt. «Schmale Trails mit steilen Anstiegen und flowigen Downhills», schwärmt die 30-Jährige. Am liebsten führt der Pfad auf einen Berggipfel mit weitem Panorama, gefolgt von einer Abkühlung der
Füsse im eiskalten Gebirgsbach. Die junge Frau, die heute in St. Gallen lebt und ursprünglich aus dem Appenzellerland stammt, sucht die Herausforderung in der unberührten Natur. Doch wer glaubt, ihr Leben bestehe nur aus idyllischen Bergmomenten, täuscht sich. Die Ausdauersportlerin bewegt sich beruflich in einer Welt, die von absoluter mathematischer Präzision, schweren Maschinen und grosser Verantwortung geprägt ist.
Als Maschinenbauingenieurin arbeitet sie in St. Margrethen bei Stadler Rail in der Wagenkastenberechnung. Wo andere Menschen einfach nur in den Zug einsteigen, blickt Kerstin Unmüssig auf die tragende Struktur, die aus zusammengeschweissten Aluminiumprofilen und komplexen Frästeilen besteht. «Anhand der CAD-Geometrie vom
Wagenkasten erstelle ich ein Modell, in dem der Wagenkasten mit lauter kleinen Elementen abgebildet wird», erklärt die Ingenieurin.
In diesen virtuellen Modellen simuliert sie mit Hilfe sogenannter Finite-Elemente-Methoden (FE-Simulationen) die Realität: Alle Lasten, welche während dem Betrieb des Zuges auftreten, werden am Computer simuliert, um die strukturelle Festigkeit zu garantieren.
Ausdauer in allen Lebenslagen
Zeigt die Simulation Schwachstellen, optimiert sie den Bereich, bevor der Zug real gebaut wird. Die Faszination lässt sie dabei auch nach Feierabend nicht los: «In Realität sind die Dimensionen schon etwas anders als auf dem Bildschirm», stellt sie fest. Kürzlich sass sie im Tessin zum ersten Mal in einem Zug, den sie selbst mitberechnet hatte. «Es war eine tolle Erfahrung und in dem Moment war ich schon stolz auf meine Arbeit», erinnert sie sich. Für Kerstin Unmüssig bringt der Beruf eine tiefe Befriedigung mit sich: «Als Berechnungsingenieurin hat man viel Einfluss auf das Endprodukt, da wir für die strukturelle Sicherheit zuständig sind.»
Auf den ersten Blick wirken die Konstruktion von Schienenfahrzeugen und das stundenlange Laufen über Stock und Stein wie zwei Gegensätze. Für Kerstin Unmüssig ist es die perfekte Symbiose. Da sie den gesamten Tag vor dem Bildschirm verbringt, bildet die Bewegung unter freiem Himmel den idealen Ausgleich zum Bürojob. Dabei profitiert der Berufsalltag direkt von ihrer sportlichen Passion: «Das Durchhaltevermögen und die Disziplin, mit denen ich mich in der Freizeit auf die Trailrennen vorbereite, helfen mir definitiv auch im Berufsalltag», betont sie.
Dieses Durchhaltevermögen hat sich die Ostschweizerin über Jahre hinweg hart erarbeitet. Vor einigen Jahren noch zweifelte sie gemeinsam mit einer Kollegin vor einem Training einer Trailrunninggruppe, ob sie überhaupt eine 20-Kilometer-Distanz schaffen würde.
Heute blickt sie stolz darauf zurück, wie sie sich kontinuierlich weiterentwickelt hat und mittlerweile problemlos Marathons und Ultramarathons bewältigt. Zu ihren Kernwerten zählen Freiheit, Neugier und eine grosse Portion Willenskraft. Wenn bei extremen Läufen nach Stunden die Kräfte schwinden, greift eine mentale Strategie: «In diesem Moment konzentriere ich mich nur noch darauf, einen Schritt vor den anderen zu machen und teile das Rennen in kleine, erreichbare Ziele ein», erklärt Kerstin Unmüssig. Sie redet sich dann positiv zu und verinnerlicht, dass das Tief nur eine vorübergehende Phase ist, auf die wieder bessere Momente folgen. Ihr Lebensmotto bringt es auf den Punkt: Der Weg ist das Ziel.
Der grosse Traum in Südamerika
Die Begeisterung für die Berge wurde ihr in die Wiege gelegt. Ihre Eltern nahmen sie schon als Kind
jedes Wochenende mit zum Wandern in die Appenzeller Bergwelt. Ihr Vater, der früher selbst Bergmarathons bestritt, prägte sie nachhaltig. Obwohl er bald die 60 erreicht, läuft er heute immer noch zum Spass und ist der Schnellste der Familie. Am Wochenende zieht es die 30-Jährige daher regelmässig zurück in die Heimat, in die Appenzeller Hügel oder in den Alpstein. Wenngleich ihr St. Gallen für den aktuellen Lebensabschnitt sehr gut gefällt, schlägt ihr Herz ganz klar im Appenzellerland. «St. Gallen ist zur Zeit der ideale Wohnort, später möchte ich aber lieber wieder in einem Dorf auf dem Land wohnen», verrät sie. In den Höhen findet sie das, was ihr im Alltag oft fehlt: «Meistens wird man oben mit einer wunderschönen Aussicht belohnt. Ausserdem sind in den Bergen die Probleme des Alltags weit weg und man fühlt sich frei.»
Auf ihrer sportlichen Bucket List steht unter anderem noch die legendäre Königstour im Alpstein – eine 84 Kilometer lange Strecke mit 5000 Höhenmetern, die an jedem Berggasthaus vorbeiführt. Doch zuerst wartet das nächste grosse Abenteuer ausserhalb der Schweiz. Kerstin Unmüssig erfüllt sich einen lang gehegten Traum und bricht in Kürze zu einer zweieinhalbmonatigen Reise durch Ecuador und Peru auf.
Die Laufschuhe sind selbstverständlich im Gepäck: Anfang August startet sie beim Quito Trail in Ecuador auf der anspruchsvollen 53-Kilometer-Strecke. Und auch abseits der offiziellen Wettkämpfe geht es hoch hinaus – die Besteigung des ecuadorianischen Vulkans Cotopaxi ist fest eingeplant. Es ist die Neugier auf die Welt, die sie antreibt, stets neue Horizonte zu entdecken – sei es auf den Schienen der Ostschweiz oder auf den höchsten Pfaden Südamerikas.
Von Benjamin Schmid
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