Lehrermord: Plädoyer für den achtsamen Umgang miteinander
1999 erschütterte der «Lehrermord» von St.Gallen die Öffentlichkeit. Die Frau des Ermordeten, Janine Spirig, tastete sich mit dem Niederschreiben von Gedanken zurück ins Leben.
1999 erschütterte der «Lehrermord» von St.Gallen die Öffentlichkeit. Die Frau des Ermordeten, Janine Spirig, tastete sich mit dem Niederschreiben von Gedanken zurück ins Leben.
Verbrechen Zunächst waren es Gedanken, die für ihre drei Kinder gedacht waren. Es entstand dann aber im Jahre 2012 daraus der Bestseller «Asche und Blüten, ein Liebeslied an das Leben». Dieser wurde zu einem bewegenden Plädoyer für den achtsamen Umgang miteinander und zeigt auf, wie sie nach dem plötzlichen Ableben ihres Mannes mit etlichen Problemen und Fragestellungen konfrontiert war und wie es ihr gelang, nicht zu verzweifeln: «Ich bemühte mich, das Tragbare im Untragbaren zu finden.» Dabei entdeckte sie ihre schriftstellerischen Fähigkeiten und veröffentlichte weitere viel beachtete Bücher.
Nun hat Janine Spirig nach der Publikation weiterer Bücher ein Folgewerk zu «Asche und Blüten» verfasst: »Blüten aus der Asche, ein stiller Weg nach innen». Dieser erscheint als Doppelband zusammen mit dem ersten Band, wurde vor der deutschen Publikation ins Englische übersetzt und ist im Verlag Emergense Education erschienen. Wie es zur Fortsetzung, zu den «Blüten aus der Asche» kam, informierte uns die Autorin in einem Gespräch.
Janine Spirig begab sich, wie sie sagt, auf den «stillen Weg zum Frieden» und blieb diesem ein Vierteljahrhundert treu. Sie stellt nun zum internationalen Tag des Friedens vom kommenden 21. September erneut fest, dass Hass mit Hass zu beantworten niemandem etwas nütze, was sie schon bei der Beerdigung ihres Mannes festgestellt hat. «So kehrte ich mich nach innen und setzte jedes Gramm Kraft ein, das ich noch hatte, um einen gangbaren Weg mit meiner Familie zu finden. Und nicht ich fand den Weg, der Weg fand mich. Und dieser Weg führte mich still nach innen.»
Janine Spirig widmet ihre «Blüten aus der Asche» dem Frieden: «Dem Frieden in den Familien. Dem Frieden im Land. Dem Frieden auf dem Kontinent. Dem Frieden auf der Welt.» Sie stellt fest, dass das, was mit ihrem Mann Paul geschehen ist, tagtäglich rund um die Welt, rund um die Uhr geschehe. Sie möchte ihren Doppelband besonders all jenen widmen, die solches erleben und weder eine Stimme noch die Möglichkeit haben, Geborgenheit in ihrer Einsamkeit erfahren. Vielleicht könne der Doppelband auch ein klein wenig helfen, innere Verletzungen zu heilen, wie es in ihrer Familie mit drei Kindern und inzwischen auch drei Grosskindern geschehen ist.
Friedenskultur ist für Janine Spirig erst in einem zweiten Schritt ein Aspekt des Äusseren. Sie betont: «Frieden beginnt für mich still im eigenen Herzen. Mit der Bereitschaft, friedliche Lösungen zu finden. Der innere Seelengarten ist der Boden des Lebens, auf dem die Herzblume in der Liebe lebt, die Nahrung des Friedens gedeihen, wachsen und blühen kann. Diesen inneren Seelengarten müssen wir wie einen Garten zuhause hegen und pflegen – bei jedem Wetter. Den inneren Seelengarten zu pflegen, ist manchmal harte Arbeit und wenn der Blitz eingeschlagen hat, gibt es viel aufzuräumen». Es ist für Janine Spirig wichtig, trotz Unruhe ruhig zu bleiben und trotz schwierigen Umständen immer wieder neu den Frieden zu suchen. Innere Seelengartenarbeit sei unsichtbar und still, die niemand sehe und doch immense Auswirkungen auf das Äussere habe: «Innere Arbeit gibt keine Diplome und Auszeichnungen, ein gepflegter Seelengarten jedoch stellt das Fundament des gesamten Lebens dar. Seelengartenarbeit auf dem Weg nach innen macht frei, zufrieden und verbindet uns mit der grösseren Quelle des Lebens.»
Mit den Gedanken mit reiferem Blickwinkel in ihrem zweiten Band möchte Janine Spirig auch eine Hilfestellung bei einem Schicksalsschlag bieten, aber der Stille auch eine Stimme geben. Stille könne recht aufregend sein, verleihe indessen auch Kraft, erklärt sie.
Ein Gedicht von Janine Spirig fasst ihre Arbeit in eindrücklicher Form zusammen: «Mein Weg lehrte mich, in der Finsternis dem Licht zu folgen, im Lärm der Stille zu lauschen, im Sturm die Ruhe zu bewahren, in der Unsicherheit auf das Sichere zu vertrauen, in der Unwahrheit auf die Wahrheit zu bauen, mich im Untragbaren am Erträglichen zu orientieren und im Unfrieden den Frieden zu suchen, jeden Atemzug, und manchmal gelang es besser und manchmal weniger, aber der Weg nach innen lehrte mich, mit Steinen im Herzen zu fliegen.»
Von Franz Welte
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