04.11.2026 00:00
«ÖV fördern wollen, aber Haltestellen abschaffen, ist paradox!»
Die Haltestelle Dierauerstrasse soll verschwinden, weil die Stadt St.Gallen sparen will. Doch im Quartier leben ältere Menschen, für die jeder zusätzliche Meter zählt. Jetzt kämpfen sie um ihren Busanschluss.
Sparmassnahme An der Haltestelle Dierauerstrasse stehen fünf Menschen beisammen. Vreny Gross, Heidi Flückiger, Doris Kurer, Ruth Baldenweg und Markus Unholz. Sie reden über den Bus, der hier noch hält. Da kommt eine Frau mit roten Haaren und einem Hund vorbei. Kurer kennt sie vom Sehen, man kreuzt sich im Quartier. Sie zögert keine Sekunde. «Haben Sie schon gehört? Die Stadt und die VBSG wollen die Bushaltestelle Dierauerstrasse aufheben. Aus Spargründen.» Die Frau bleibt stehen. «Ja, weiss ich! Und es ist eine Frechheit. Ich kenne unzählige Menschen, die auf diese Haltestelle angewiesen sind. Kann ich die Petition noch unterschreiben?»
Sie kann nicht. Die engagierten Seniorinnen und Senioren haben ihre Unterschriften längst bei der Stadt abgegeben. Was die Anwohnerinnen und Anwohner empört, steht im digitalen Fahrplanentwurf 2027 schwarz auf weiss. «Die Stadt St.Gallen hat dies aus Spargründen beantragt.» Gemäss den Unterlagen der Quartieraktion soll der Halt schon mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2026 verschwinden. Wie viel die Stadt damit spart, steht nirgends. Eine Zahl nennt der Fahrplanentwurf nicht. Der Hohn geht im selben Abschnitt des Fahrplanentwurfs weiter. Die Linie 9, die ebenfalls an der Dierauerstrasse vorbeirollt, wird auf einen 15-Minuten-Takt optimiert. Zwischen Bahnhof und Universität gibt es am Morgen zu den Vorlesungszeiten sogar Verdichtungskurse im 7,5-Minuten-Takt. Mehr Busse für die Studierenden, aber kein Halt mehr für die Seniorinnen und Senioren – das nennt sich sparen.
«Abschneiden von der Aussenwelt»
Doris Kurer findet deutliche Worte. «Diese Bushaltestelle ist der neuralgische ÖV-Punkt für drei Quartiere gleichzeitig», sagt sie. «Entfällt sie, sind gerade die Seniorinnen und Senioren massiv betroffen. Es kommt einem Abschneiden von der Aussenwelt gleich.» An der ruhigen Dierauerstrasse wohnen viele ältere Menschen. Altersgerechte Wohnungen, ein Lift im Haus, der Bus vor der Tür. Für sie sind das die Voraussetzungen, um den Alltag allein zu meistern. Anwohnerin Marie Therese Rickenbacher hat in einem Protestbrief beschrieben, was ohne Bus bleibt. Die Dohlengässli-Treppe. Oder Umwege über die steile und enge Tigerbergstrasse und die Müller-Friedbergstrasse. Mit Einkaufswägeli und Rollator kaum zu schaffen. «Wir sind nicht mehr mobil und müssen ausziehen!», schreibt sie in einem offenen Brief.
Ruth Baldenweg ist 94 Jahre alt. Sie habe Herzprobleme, sagt sie, und sei froh um den Bus vor dem Haus. «Ich weiss, dass nicht jeder in St.Gallen eine Bushaltestelle vor der Haustür verlangen kann. Doch in diesem Quartier wohnen viele ältere Menschen wie ich. Da sind zusätzliche 500 Meter Gehdistanz, verteilt auf 22 Höhenmeter oder sieben Stockwerke, enorm viel. Sie entscheiden darüber, ob ein Leben draussen in der Stadt noch stattfinden kann oder eben nicht.»
Die Distanzen und Höhen hat Vreny Gross nachgerechnet. Die Architektin hat festgestellt, dass im Busfahrplan die Abstände zwischen den Haltestellen nicht massstäblich dargestellt sind. «Ab unserer Haltestelle ist der Weg zur nächsten am längsten», sagt sie. «Müssten wir an der unteren Haltestelle Müller-Friedberg aussteigen, hätten wir 300 Meter mit 22 Metern Steigung vor uns. Das sind sieben Stockwerke. Mit Einkaufstaschen ist das äusserst schwierig.»
Laut Anwohnerschaft entstünde zwischen den Haltestellen Müller-Friedberg und Uni/Dufourstrasse eine Lücke von 550 Metern. Ausgerechnet auf einem langen Steigungsabschnitt.
Der Bus fährt sowieso vorbei
Am meisten ärgert die Anwohner die Logik der Sparübung. «Die Linie 5 wie auch die Linie 9 fahren so oder so hier durch», sagt Kurer. Auch Marie Therese Rickenbacher versteht die Rechnung nicht. «Wir fragen uns halt einfach, wo das Sparpotenzial liegt?» Der Kanton hält die Aufhebung für vertretbar. Seit dem Fahrplan 2025 gebe es die benachbarte Haltestelle Müller-Friedberg, die einen höheren Nutzen habe. Dazu kämen die Distanzen zu den umliegenden Haltestellen und die «verhältnismässig tiefe Nachfrage» an der Dierauerstrasse.
«Niemand wurde informiert»
Erfahren hat das Quartier von den Plänen durch Zufall. So schildert es Kurer in einem Bittbrief, den sie am 19. September an die Stadträte, Amtsstellen und Organisationen schickte. «Wir Anwohnerinnen und Anwohner sind sehr erschrocken. Niemand wurde informiert.» Markus Unholz, 64, hatte sich eigentlich vorbereitet. «Im Juni hat die Stadt den Fahrplanentwurf veröffentlicht. Wir haben ihn angeschaut, auch auf der Webseite
des Kantons. Da stand nichts davon, dass die Haltestelle Dierauerstrasse aufgehoben werden soll.» Er fügt an: «Böse Zungen behaupten, die Stadt und die VBSG wollten damit einer Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.»
Unholz lebt mit seiner Frau seit acht Jahren im Quartier. Sie hätten es gewählt, weil die Haltestelle gleich ums Eck liege. Mehrere ältere Menschen seien genau deshalb an die Dierauerstrasse gezogen, schreibt auch Kurer. «Die Alters- und die Verkehrspolitik der Stadt St.Gallen widersprechen sich. Den ÖV fördern wollen, aber Haltestellen abschaffen, ist paradox!», sagt Unholz. «Es wird gegen die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Steuerzahler gehandelt. »
An zuständige Stellen verwiesen
Kurer hat versucht, den Stadtrat direkt zu erreichen. «Ich habe Frau Sonja Lüthi und Stadtpräsidentin Maria Pappa persönlich angeschrieben. Beide liessen ausrichten, sie könnten die Sache nachvollziehen.»
Weiter seien die beiden Stadträtinnen nicht gegangen. Sie hätten an «die zuständige Stelle» verwiesen. «Wer auch immer das ist», sagt Kurer. Man fühle sich nicht ernst genommen. «Die Stadt spart hier auf Kosten der älteren Bevölkerung. Das ist anstössig.»
Spontan wurde eine Unterschriftensammlung gestartet. In kürzester Zeit wurden im Quartier 183 Unterschriften gesammelt. Am 1. Oktober übergaben Vertreterinnen und Vertreter des Quartiers die Unterschriften als Petition an Stadtschreiber Manfred Linke.
Dabei waren Seniorenratspräsident und Anwohner Jürg Rickenbacher, Samuel
Berger von der Liegenschaftenverwaltung Furter und Furter AG, die Anwohnerinnen Vreny Gross und Doris Kurer sowie Beata Studer, Stiftungsrätin von Pro Senectute. Auf die Haltestelle angewiesen seien auch Familien, Kinder und Jugendliche, heisst es darin. Viele Unterzeichnende hätten kein Auto, einige seien gehbehindert. «‹Unsere› Haltestelle ist für unseren Alltag, für die Lebensqualität und Selbständigkeit von jungen und alten Menschen wichtig.»
Wie viel gespart wird, bleibt offen
Wie viel Geld bringt die Aufhebung tatsächlich? Welche Folgen hat sie für ältere Menschen? Und weshalb halten Stadt und VBSG die zusätzlichen Wege für zumutbar?
Auf diese und weitere Fragen gibt es vorerst keine Antworten. Als Grund nennt Christie Koller, Leiterin Kommunikation und Unternehmensentwicklung der VBSG, die eingereichte Petition. Die Stellungnahme des Stadtrats stehe noch aus. «Dieser möchten wir nicht vorgreifen und bitten deshalb um Verständnis, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt keine inhaltlichen Auskünfte erteilen können.» Damit bleibt vorerst offen, wie gross der Spareffekt ist und wie die Verantwortlichen ihn gegen die Einschränkungen für die Betroffenen abwägen. Die Anwohner haben ihre Sorgen bei der Stadt deponiert. Auf Antworten müssen sie warten.
Von Marino Walser